Web 3.0 – Individualität für die Masse

Die zweite Woche des Fernuni-MOOC steht im Zeichen der Wirtschaftswissenschaft. Im Speziellen geht es um die “Wertschöpfung 2.0”: die Beteiligung der Nutzer an der Wertschöpfung eines Unternehmens.

In der realen Wirtschaft arbeiten wir ja eigentlich schon am Web 3.0. Das ist das individualisierte Web. Falls Ihr mitmacht, könnten wir jetzt also das entsprechende Schlagwort “Wertschöpfung 3.0” etablieren.

Wie so eine individuelle Schöpfung für die Masse funktioniert und noch besser funktionieren könnte, hat heute auf der re:publica 2013 meine bevorzugte Digital-Denkerin Kathrin Passig erklärt. In Ihrem Vortrag macht sie Werbung für zufallsshirt.de. Das ist nicht nur ihr Online-Shop, sondern auch ein unterhaltsames Spielzeug für Leute, die gar nichts kaufen wollen.

Bildung findet statt

Beinahe hätte ich geschrieben, dieser TED-Vortrag von Sugata Mitra sei “inspirierend”. Sugata Mitra zeigt, dass Kinder nicht in die Schulbank gezwungen werden müssen, um etwas zu lernen. Kinder lernen von selbst, wenn sie niemand daran hindert. Bildung ist ein sich selbst organisierendes System. Das findet einfach statt, auch ohne Erzieher.

Sugata Mitra begeistert mich, kann mich jedoch nicht inspirieren. (Achtung! Jetzt kommt die kulturwissenschaftliche Perspektive, die Sprachkritik.) “Inspirieren” enthält die Idee der Anregung. Doch zu welcher Handlung sollte mich der Vortrag anregen?

Anders verkabelt?

Ein Thema des Fernuni-MOOC: Gibt es eine “Digitale Generation”, die sich wesentlich von vordigitalen Generationen unterscheidet? Alternative Bezeichnungen sind unter anderen “Net-Generation”, “Digital Natives” und “Homo zappiens”.

Ian Jukes behauptet:

“Kinder sehen heute so ziemlich genauso aus, wie wir als Kinder ausgesehen haben, aber innen drin sind sie völlig anders.”

Und wie sind sie innen drin?

“Sie sind im Gehirn anders verkabelt als wir.”

“Wegen des digitalen Bombardements verändern sich die Gehirne der heutigen Kinder physikalisch und chemisch.”

Wer seine Zeitreise in der Gutenberg-Galaxis begonnen hat, kann das auch in einem 20-seitigen Vortragsprospekt nachlesen:

Im Detail nicht ganz so extrem, aber in der Grundaussage gleich, meint Wim Veen, der Homo sapiens würde heutzutage den Homo zappiens ausbrüten. Die artbestimmenden Merkmale stellt er auf Folie 33 der folgenden Slideshare-Präsentation einander gegenüber.

Gegen solche Behauptungen einer völlig aus der Art geschlagenen Netzgeneration erhebt die Stimme der Vernunft Rolf Schulmeister. Leider in der popkulturell kaum verwertbaren Form des wissenschaftlichen Traktats. Es hätte auch keinen Sinn, in den Stockphoto-Datenbanken nach bunten Bildern mit dem Schlagwort “Kritisches Denken” zu suchen.

Wem weniger Argumente genügen, kann Rolf Schulmeisters Ansichten auch in einem Chatprotokoll nachlesen.

Oder noch kürzer hier:

“Die Grundthese ist doch, dass es eine Generation in diesem Sinne gar nicht geben kann, sondern nur verschiedene Gruppen. Darum wird sich die Gruppe der nächsten Generation auch nicht als geschlossene Gruppe empfinden. Eine zweite These ist die, dass es immer selbstverständlich und alltäglich ist, wie man in der Umgebung lebt, in der man aufwächst. Währenddessen besagt die These der Net-Generation das Gegenteil, dass sie etwas anderes seien, beispielsweise veränderte Hirne hätten, eine andere Kultur, eine andere Psyche usw. Und das ist widerlegt worden. Ich habe in meinem Aufsatz auch deutlich gemacht, dass auch Versuche, bspw. Multitasking als Merkmal einer Generation zu bezeichnen, verkehrt wären, weil es einfach ein Gewöhnungsprozess ist. Ebenso kann man nicht sagen, dass die Ungeduld im Umgang mit diesen Geräten nur einer Generation zukommt. Jedem Benutzer erscheint ein älteres Gerät als langsam.”

Männlicher Beginn

Dieser Blog — ebenso ernst zu nehmende Schreibkundige werden behaupten, ich hätte meinen Blog mit “dieses Blog” beginnen müssen — begleitet den MOOC “Interdisziplinärer Diskurs zur digitalen Gesellschaft” der Fernuniversität in Hagen. Der MOOC beginnt heute mit einem Impulsvortrag von Prof. Dr. Theo J. Bastiaens und wird vier Wochen dauern.

Die Zielgruppe des MOOC sind die etwa 80 000 Studierenden der Fernuniversität in Hagen, von denen jetzt gerade 1024 im Moodle-Bereich des MOOC angemeldet sind. Zwar geschehen alle wesentlichen Kommunikationen auf jener geschlossenen Lernplattform, doch viele Arbeitsmaterialen lassen sich auch frei im Netz finden. Auf diese freien Materialen werde ich in diesem Blog hinweisen, sofern sie mir interessant erscheinen.

Den Anfang macht der Impulsvortrag von Theo Bastiaens, den man sich auch auf Youtube anschauen kann.